WALTHAM PLACE UND WIR

(Es ist der ausdrückliche Wunsch der Besitzerin von 'Waltham Place', dass keine privaten Fotos gemacht und veröffentlicht werden. Wir respektieren das und posten - zum ersten Mal - einen längeren Text.) 

Seit Wochen haben wir uns auf 'Waltham Place' gefreut. Wir haben uns vorbereitet, haben die Beiträge von Beatrice Krehl, Tim Richardson, Jonas Reif und Christian Kress gelesen (Literaturangaben unten), die Fotos von Andrew Lawson und Jürgen Becker genossen, uns über das Leben und die gärtnerischen Grundsätze Henk Gerritsens informiert. Wir haben unseren Besuch angemeldet, eine Zusage bekommen, den Termin bestätigt. 
Wir wollen 'das bestgehütete Geheimnis von Berkshire' entdecken. Und jetzt stehen wir auf der M 25 im Stau. Ob wir es bis 11 Uhr schaffen? Wir schaffen es.

In Waltham Place empfangen uns Beatrice Krempf, seit 2006 'Head Gardener' auf dem Besitz der Oppenheimer-Erben, und ihre Border-Terrier-Hündin Logan. Als wir erzählen, dass wir aus Freiburg kommen, fragt die Schweizerin sofort nach Ewald Hügin - die kleine Welt der großen Gärtner ... 
Außer uns sind nur vier Damen zu Besuch gekommen. Kann es sein, dass sich die rabattenfixierten englischen Gartenfreunde mit der geplanten Unordnung dieser Gärten schwertun? Und das, obwohl ‚Waltham Place‘ 2011 von 'Gardens Illustrated' zum 'schönsten Garten Englands' erklärt wurde? 

Eine holländische Gärtnerin übernimmt die Führung. Liebevoll erläutert sie Ideen und Pflanzkonzepte, beantwortet geduldig Fragen nach Pflanzen und ihren Namen. Der erste Eindruck: gewöhnungsbedürftig. Trotz der vielen Fotos, die wir gesehen haben, schauen wir leicht befremdet auf vertrocknete, umgefallene Pflanzen. Herumliegendes Unkraut? Wir möchten Tim Richardson Recht geben, dem es zunächst vorkam, als hätten in den Gärten von ‚Waltham Place‘ die Kinder eine Party gefeiert, während die Eltern nicht zu Hause waren ... 

Hier herrscht nicht die Reißbrettplanung des städtischen Gartenamts. Und viele berufsmäßige Gartengestalter werden sich mit Grausen abwenden. Henk Gerritsens Gärten sehen aus, als habe einer mit lockerer Hand Pflanzensamen verstreut und sich später wie ein Kind über das Ergebnis gefreut ... Dass auch Sterben zum Garten gehört und dass die Pflanzen sich zunächst ungehindert aussamen sollen, gehört zu seinem Credo. Wieviel gärtnerisches Wissen und wieviel planerische Gestaltung alldem zugrundeliegt, lässt sich nur erahnen. 

Es braucht eine gewisse Zeit, bis wir Kontrast und Harmonie des Zusammenspiels der festen Strukturen mit der lockeren, naturnahen Komposition von Stauden, Initialpflanzen und sich selbst aussäenden Ein- und Zweijährigen verstehen. Vor allem vom kleinen Aussichtsturm des Square Gardens lässt sich die Schönheit der Garten-Natur entdecken, die ihren Plan kaum preisgeben möchte. Fast alle Farben sind eher gedämpft - welch ein Kontrast zur oft aufdringlichen Farbigkeit vieler 'Mixed Borders'. 

Henk Gerritsen hat damit kokettiert, dass er nie einen anderen Garten besucht habe; seine Vorbilder habe er immer in der freien Natur vorgefunden. 

Warum interessieren wir uns für anderer Leute Gärten? 
- Wir möchten unsere ästhetischen Vorstellungen schulen und erweitern. 
- Wir möchten neue Gestaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten entdecken. 
- Wir möchten Menschen begegnen, die ihren Garten lieben. 

Wenn wir diese Erwartungen zugrunde legen, war unser Besuch in 'Waltham Place' bisher vielleicht der wichtigste. 

Werden wir jetzt den eigenen Garten roden und noch einmal von vorne anfangen? Wohl kaum. Aber wir werden noch großzügiger als bisher mit dem umgehen, was sich in unserem Garten ansiedeln möchte und sich dort wohlfühlt. Wir werden zunächst kleine Freiräume für sich selbst aussäende Pflanzen schaffen.

Ein (ganz kleiner) Anfang ist gemacht:

Im letzten Jahr hatten wir das einjährige Mauer-Gipskraut (Gypsophila muralis) in die Pflanzschale gesetzt. Über den ganzen Winter stand sie irgendwo in der Ecke des Gartens. Und dann hat sich wohl der Wiesenkerbel (Anthriscus sylvestris) dazugesamt. Wir finden, dass sich das Ergebnis sehen lassen kann. Gärtnern im Einklang mit der Natur, Blackbox Gardening im Riedgarten.
Wir konnten uns schon immer für die Pflanzenpracht der fast unberührten Natur begeistern. Aber jetzt haben wir auch einen ganz anderen Blick auf die Seitenstreifen unserer Landstraßen bekommen. Es ist eine Pracht, was da wächst – wenn man es lässt. Und jeder Ausritt mit unseren Pferden zeigt uns die Schönheit der Riedwiesen und der Waldränder. Vielleicht sollten auch wir hier unsere Garten-Vorbilder sehen ... 

Literatur: 
 - Laurian Brown, Beatrice Krehl und Strilli Oppenheimer: Waltham Place. The farm & garden; 2010. 
- Tim Richardson und Andrew Lawson: The New English Garden; 2013.
- Deutsche Ausgabe: Die neuen englischen Gärten – eine Entdeckung; 2013.
- Beatrice Krempf: Gartenporträt Waltham Place; in: Gartenpraxis 3/2014.
- Jonas Reif, Christian Kreß und Jürgen Becker: Blackbox Gardening. Mit versamenden Pflanzen Gärten gestalten; 2014.


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